Was soll ich mit meinem Leben anfangen?

Eine Kreuzung, bei der sich der Weg entzwei spaltet, symbolisiert die Frage danach, was ich mit meinem Leben anfangen soll.
Im Leben gibt es weit mehr als zwei Wege. Doch welcher ist „der Richtige“?

Die Zeiten haben sich geändert. Einst hat der Junge einfach das Handwerk des Vaters geerbt. Oder die Gesellschaft hat dir ohne Wenn und Aber ihre Normen aufgedrückt. „Was soll ich mit meinem Leben anfangen? – Was eine dumme Frage!“, hättest du vielleicht gehört.

Heute beschäftigt die Frage kaum einen jungen Menschen nicht. Wir wollen unser Leben nicht vergeuden – aber auch am Ende nichts bereuen. Und ein erfülltes Leben soll es bitte auch sein.

Warum weiß ich nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll?

Was sind überhaupt die Gründe für die Verwirrung darüber, was wir mit unserem Leben anfangen sollen? War das schon immer so? Und wenn nicht, wie kam es dazu?

Konditionierung

Von Kindesbeinen an werden wir auf ein bestimmtes Denken hin trainiert. In der Schule etwa werden alle mit gleichem Maß gemessen. Dies impliziert die Forderung, ein funktionierendes Zahnrad zu werden. Im Grunde werden wir lediglich darauf trainiert, Probleme zu lösen, fangen dabei aber nicht selten an, uns, andere und das Leben selbst als Problem zu behandeln.

Die Würze des Lebens aber liegt nicht im mechanischen Lösen von Problemen, mehr aber in der Erfahrung von Glück und Lebendigkeit. Leider spielen in unserer Gesellschaft das Verständnis über die Natur unseres Geistes und der Freiraum für dessen Entfaltung nur eine geringe Rolle.

Fehlende Innenschau

Wir schauen viel nach außen und kaum nach innen. Das hat natürlich auch zu tun mit der genannten Konditionierung. Als Folge verlieren wir uns leicht in unserem Verstand und seinen Konzepten von der Welt und von uns selbst.

Wir entwurzeln uns aus dem puren Dasein. Und ohne diese Wurzeln fühlt sich das Leben stets so an, als würde etwas fehlen – dieses Gefühl bringt uns zu Verzweiflung, scheinbar grundloser Unzufriedenheit und zur Frage danach, was ich mit meinem Leben anfangen soll.

Unendliche Möglichkeiten

Menschen stehen nebeneinander, alle beschäftigt mit ihrem Smartphone.
Wie nie zuvor sind wir vernetzt mit der Welt. Das bietet unglaubliche Möglichkeiten, und birgt Gefahren.

Leichter als je zuvor ist es heute, sich zu verlieren im eigenen Kopf. Wir werden bombardiert mit Möglichkeiten und Eindrücken, ja geradezu davon überrollt in unserem mediengesteuerten Leben. Durch die unendlichen Kanäle des Internets fließt die ganze Welt in unser Gehirn, und stellt uns damit vor die Qual der Wahl: Wofür entscheide ich mich, sodass ich es am Ende nicht bereue?

Leben in Ablenkung

Im Zusammenhang mit dieser Überreizung ist unsere Aufmerksamkeit so gering wie nie zuvor. Häufig trainieren wir uns an, abgelenkt zu werden – und die Hemmschwelle wächst, sich der Sache im Hier und Jetzt voll zu widmen. Doch nur in der Tiefe des Lebens findet sich Erfüllung, nicht an der Oberfläche der Dinge: Acthsam sein lohnt sich.

Lähmende Gewohnheit

Wir suchen Sicherheit in unserem gewohnten Denken und Tun. Die Kehrseite ist: Wir verlieren die Perspektive für das große Ganze. Gewohnheit heißt, ich funktioniere mechanisch, und verschließe mich damit vor Möglichkeiten und Lebendigkeit.

Wie finde ich heraus, was ich mit meinem Leben anfangen soll?

Vielleicht glaubst du, dass du nur noch mehr nachdenken musst, um herauszufinden, wohin es in deinem Leben gehen soll. Womöglich ist dies aber nur dein erster Impuls, weil du es nicht anders kennst. Du machst das Leben zu einem Problem, welches gelöst werden muss wie eine Matheaufgabe.

Du kannst dein Leben nicht durchplanen und nicht wissen, wohin dich ein Faden führen wird, dem du heute folgst. Du könntest neue Menschen treffen, Inspiration erfahren und Ideen haben, die du heute noch gar nicht haben kannst.

Mehr Nachdenken führt nicht immer zum Ziel. Wir können nur denken im begrenzten Raum unserer vergangenen Erfahrungen. Woher wollen wir aber wissen, dass die Antwort in der Vergangenheit liegt?

Alles bis ins Detail zerdenken kann dich auch noch mehr lähmen und runterziehen. Und eventuell ist genau das der Grund dafür, warum du nicht weißt, was du mit deinem Leben anfangen sollst.

Was du viel eher brauchst sind Lebendigkeit und Inspiration. Und was ist zunächst der einfachste Weg dazu? Fange einfach an! Tue etwas, wobei du dich lebendig fühlst!

Geh‘ in den Wald. Lauf‘ eine Runde. Mach‘ etwas mit deinen Händen – baue oder repariere etwas, arbeite an einem Projekt, was dich wirklich interessiert. Finde andere Menschen, die einer Leidenschaft nachgehen, egal ob als Hobby oder Beruf – und rede mit ihnen.

Muss dies für dich jetzt schon einen Sinn ergeben? Nein. Genau das ist der Punkt. Über den Sinn einer Handlung kannst du nur urteilen, wenn du bereits eine Richtung hast.

Also: Raus aus dem Grübeln – rein ins Tun.

Etwas wagen

Nichts sabotiert deine Entfaltung mehr als deine Komfortzone.

Sie besteht aus gewohntem Denken und Tun, lullt dich ein in körperliche und mentale Trägheit, und sabotiert deine Lebendigkeit. Wie eingelaufene Schuhe spürst du sie irgendwann nicht mehr und merkst nur, dass dir etwas fehlt im Leben.

Unsere Gewohnheiten machen uns mechanisch. Das Leben zieht an uns vorbei und fühlt sich an wie ein enger Käfig, nur dass die Gitterstäbe nicht so offenkundig sind.

Das Problem mit den Gewohnheiten ist nicht ihre Regelmäßigkeit, sondern das Abstumpfen unseres Geistes, je mehr wir unser Leben auf Autopilot fahren. Jeden Sonntag spazieren gehen ist nicht das Problem. Doch wenn ich es tue wie eine Maschine – ohne Bewusstsein für die Welt und absorbiert in meinen Gedanken – so verpasse ich das Erlebnis beim Erleben.

Je mehr ich mich so unachtsam bewege, umso mehr verpasse ich das Abenteuer Leben. Entkopple dich von deinen Gewohnheiten. Sieh genauer hin – sei aufmerksam. Erkenne neue Möglichkeiten um dich herum. Wage etwas Neues – und lebe!

Ein Mann lässt unter einem Wasserfall das Wasser auf sich stürzen.
Lebendigkeit ist ein Nebenprodukt, wenn du dich etwas Neues traust, weil dein Verstand noch kein Muster daraus geformt hat. Doch das ist nicht der einzige Weg.

Soll ich einfach meinen Wünschen folgen?

Ja und nein. Die erste Frage sollte lauten, ob diese Wünsche deiner bewussten Entscheidung entspringen – oder ob sie das Produkt äußerer Einflüsse sind.

Es passiert nicht selten, dass sich Wünsche unbewusst in uns geformt haben, weil ein äußerer Einfluss uns den Eindruck vermittelte, dies oder jenes sei erstrebenswert. Das können zum Beispiel perfektes Aussehen, viel Geld oder etwas ganz anderes sein.

Ist es denn falsch, gut auszusehen oder viel Geld zu haben? Sicherlich nicht. Doch diese Dinge liegen an der Oberfläche des Lebens. Die gesamte Zeit und Energie darauf auszurichten ist ein gutes Rezept, sein Leben zu vergeuden.

Wünsche sind dein Mittel, um von Punkt A nach Punkt B zu kommen. Du solltest derjenige sein, der Punkt B bestimmt und den Kurs ändert, wenn nötig. Deine Wünsche sind keine Garantie dafür, dass du das für dich Richtige mit deinem Leben anfängst. Sie sind nur der Treibstoff, mit dem du den Weg zurücklegst. Die Frage ist nur, ob die Richtung stimmt – und wie du sie findest.

Sich selbst finden?

In gewisser Weise ist die Frage „Was soll ich mit meinem Leben anfangen?“ vielmehr die Frage danach, wer du bist. Wenn du weißt, wer du bist, dann kennst du deine Richtung.

Und die häufige Antwort darauf lautet heute, dass du dich „erst finden musst“.

Doch was zur Hölle soll das eigentlich bedeuten? Macht diese Idee der Selbstfindung überhaupt Sinn – oder ist sie eine falsche Fährte? Wo sollst du denn suchen?

Davon überzeugt, dich selbst finden zu müssen, wirst du zu suchen beginnen in Gedanken und Gefühlen, Vorlieben und Abneigungen. Was fühlt sich richtig an – was nicht?

Doch unsere Gedanken und Vorlieben sind lediglich ein Abdruck der Vergangenheit. Irgendwann hast du zum Beispiel eine starke Überzeugung verinnerlicht, und nun reißt dich deshalb ein impulsives Gefühl mit. Das heißt aber nicht, dass du diese Überzeugung bist, sondern bloß, dass du deinen Geist in dieser bestimmten Weise geformt hast.

Auch deine Vorlieben und Abneigungen hast du mit der Zeit entwickelt. Doch du warst bereits vorher – und auch jetzt existierst du unabhängig von deiner Vergangenheit. Du bist nicht deine Vergangenheit.

Und die zentrale Frage lautet, wie viel von deinem Verhalten geprägt ist durch die Umstände, in denen du aufgewachsen bist. Wie viel davon hast du unbewusst übernommen, weil man dir sagte, dass es richtig ist?

Wenn du versuchst, dich selbst zu finden, wirst du dich ironischerweise eher verlieren in dem komplexen Gewirr an Konzepten und Vorstellungen, die du hier und da aufgeschnappt und verinnerlicht hast.

Was also kannst du tun?

Erschaffe dich selbst

Folgendes finde ich hilfreich: Hör‘ auf zu glauben, dass du „irgendwo dort“ bist, und dass du dich erst finden musst. Diese schwammige Idee ist umso weniger hilfreich, je orientierungsloser du bist. Sowieso ist jegliche Vorstellung über dich nur eine Schicht, die du über dein wahres Sein legst.

Also starte genau hier: Erkenne dieses pure Leben in dir, das du im Kern bist. Fühle es. Du kannst es beliebig formen. Dein Wesen ist dein Kunstwerk. Deine Leinwand. Wie möchtest du es formen? Wie sehen Körper und Geist dieses Daseins aus?

Es mag einige Limitierungen bei der Gestaltung geben, welche die Natur dir gesetzt hat – doch bei weitem die meisten davon setzen wir uns selbst, indem wir an alten Konzepten hängen.

Was braucht die Welt heute mehr denn je in deinen Augen? Wie sieht die Welt aus, in der du leben willst? Und wie kannst du dazu Tag für Tag beitragen? Gib dich dieser Vision hin. Und du wirst sehen: Je allumfassender deine Vision ist, umso erfüllender wird deine Hingabe für diese Vision werden.

So richte dann dein Leben danach aus, dieses Kunstwerk zu erschaffen. Entscheide nach deiner Vision. Es mag sein, dass du anders sitzen, stehen, essen oder bestimmte Menschen aus deinem Leben streichen musst.

Du wirst sehen, dass sich dein Leben dramatisch verändern wird, sofern du eine konstante Richtung behältst. Es ist nur wichtig, dass deine Veränderung nicht geschieht aus Gewalt an dir selbst, sondern aus der Anziehung, welche jene größere Vision auf dich ausübt. Manche Entscheidungen mögen und unbequem sein oder schwer fallen, obwohl du genau weißt, dass sie die Richtigen sind – also folge ihnen.

Wie also soll diese Vision aussehen? Der folgende kleine Test wird dir den Start erleichtern.

Welche Werte verkörpert deine Vision?

Finde heraus, welche Werte maßgeblich sind für dich und deine Vision. Sie sind ein wichtiger Anhaltspunkt bei der Frage danach, was du mit deinem Leben anfangen sollst.

Ein universelles Begehren

Jeder will glücklich sein – diesen Wunsch tragen wir alle in uns. Im Grunde geht es doch also auch um die Frage nach Glück, wenn ich mir darüber Gedanken mache, was ich mit meinem Leben anfangen soll, nicht wahr?

Doch das Glück scheint manchmal flüchtig wie eine Wolke und jeder sucht woanders. Nach dem Glück zu jagen ist eine weit verbreitete Tatsache. Was aber wäre, wenn es viel mehr Sinn macht, das Glück zur Basis unseres Tuns zu machen? Nur wo ist dieses Glück – und kann ich es überhaupt finden wie eine Münze auf der Straße?

In meiner Erfahrung befindet sich Glück nicht in der Erfüllung unserer Ziele und Erwartungen. Daher ist es auch möglich, jetzt glücklich zu sein. Ziele mögen uns ein mehr oder weniger kurzes Gefühl von Zufriedenheit schenken, aber für mein Empfinden ist Glück etwas tiefer Gehendes, was unser gesamtes Wesen erfasst.

Frau sieht dem Sonnenuntergang mit offenen Armen entgegen.
Vielleicht findet sich Glück nur in unserem unmittelbaren Sein, und nicht in der Zukunft?

Daher macht es für mich keinen Sinn, mein Leben danach auszurichten, wovon ich mir Glück verspreche, denn dies wird immer ein Trugschluss sein. Ich kann mich eine Zeit lang oder sogar mein ganzes Leben mit diesem Trugschluss ablenken, doch am Ende komme ich wieder an den Ursprung meiner Suche.

Paradoxerweise erhält mein Leben gerade dann eine Richtung, wenn ich mich bereits angekommen fühle. Dann spüre ich genau, was der nächste Schritt ist.

Wenn du kommst an diesen Platz der Lebensfreude, so wirst du merken, dass sich das Leben weitet. Und du spürst eine tiefe Freiheit in dir, verlierst deine psychologische Angst. Vorher unüberwindbare Hindernisse, die dir Angst machten, erscheinen als Teil des Weges – nicht mehr und nicht weniger.

Vielleicht traust du dich nicht, ernsthaft an die Erfüllung deiner Vision zu denken – so weit weg und unantastbar scheint sie dir. Vielleicht hast du Angst zu scheitern.

Und genau diese Angst vor dem Scheitern verschwindet, wenn du dich bereits angekommen fühlst. Denn was macht das Scheitern dann noch für einen Unterschied? Wenn du Angst davor hast, dann ja nur deshalb, weil du gewisse Konsequenzen für dein Wohlbefinden fürchtest.

Und wenn dann diese Ich-bezogene Angst verschwindet, so kommst du an im Raum von absoluter Freiheit und dem Fluss der Lebendigkeit in dir, was per se eine tiefe Erfüllung mit sich bringt. Ohne diese Angst wirst du zweifelsohne den ganzen Weg gehen, deiner Vision folgen und intensiv leben.

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